Auf den Spuren der tückischen PFAS

In der Industrie sind PFAS äusserst nützlich, aber für die Umwelt sind sie schädlich. Weil die chemischen Substanzen so stabil sind, können sie Böden und Gewässer dauerhaft verseuchen. Sie zu beseitigen, ist enorm aufwendig.

Text: Erik Freudenreich

Ein Ski wird vorbereitet
In St. Moritz wird ein Ski vorbereitet. Auch in Skiwachs können PFAS enthalten sein, genauso wie in Kosmetikartikeln und wasser­abweisenden Beschichtungen.
© Jean-Christophe Bott | Keystone

In der Öffentlichkeit sind sie erst seit Kurzem ein Thema, für die Umwelt aber schon länger eine Gefahr: per- und polyfluorierte Alkylver­bindungen oder kurz PFAS. Diese chemischen Substanzen sind äusserst stabil, sie verbreiten sich leicht in der Umwelt und sind zum Teil hochgiftig. Verwendet werden sie in der Industrie oder bei der Her­stellung von Konsumprodukten.
«PFAS kommen beispielsweise im Schaum von Feuerlöschern vor und in Beschichtungen aller Art, von wasserabweisenden Outdoorkleidern bis zu Pizzaschachteln», sagt Monika Schwab-Wysser, die bei der Sektion Altlasten des BAFU für PFAS zuständig ist. Die Substanzen finden sich aber auch in Skiwachs oder in Kosmetikartikeln. Es gibt mehrere Tausend verschiedener PFAS. Wegen ihrer einzigartigen Eigenschaften – sie sind hitzebeständig sowie wasser- und fettabweisend – wurden sie ab den 1960er-Jahren immer häufiger in verschiedenen Industriezweigen verwendet.

Ewiges Gift

Die Kehrseite der Medaille ist jedoch: PFAS sind im Gegensatz zu anderen Schadstoffen, die mit der Zeit abgebaut werden, äusserst langlebig. Aus diesem Grund werden sie auch als «Forever Chemicals», als «ewige Chemikalien» bezeichnet. «Die Basisstruktur dieser Moleküle besteht aus Kohlenstoff-Fluor-Bindungen, die zu den stärksten chemischen Bindungen überhaupt gehören», erklärt Schwab-Wysser. Diese Struktur ist extrem robust und lässt sich nur bei sehr hohen Temperaturen von über 1000 Grad Celsius aufbrechen.

Darum verschwinden PFAS auch nicht einfach wieder von selbst aus der Umwelt. Sind sie einmal freigesetzt, reichern sie sich im Boden, im Grundwasser, in den Fliessge­wässern und schliesslich in der Nahrungs­kette an. Krankheiten wie Krebs, Schilddrüsenerkrankungen, Beeinträchtigung des Immunsystems oder Wachstumsstörungen bei ungeborenen Kindern können die Folgen sein.

Das Wallis: Vorreiter bei der Sanierung von PFAS-Altlasten

Ein Beispiel einer solchen Verschmutzung ist der ehemalige Brandübungsplatz des Chemie­standorts Visp (VS). Hier wurden jahrelang PFAS-haltige Löschschäume verwendet, darum gelangten die Chemikalien in den Boden und ins Grundwasser. Diese Belastung hat dazu geführt, dass der Kanton Wallis beim Umgang mit PFAS inzwischen eine Pionierrolle einnimmt. Nachdem Fachleute die Situation ab dem Jahr 2016 analysiert hatten, konnte der Standort von 2020 bis 2022 saniert werden. «Um die Arbeiten zu planen, mussten wir zuerst im Detail abklären, wie weit sich der belastete Bereich ausdehnt und die Belastung in einem 3-D-Raster darstellen», sagt Christine Genolet-Leubin, Chefin der Dienststelle für Umwelt des Kantons Wallis. Anschliessend wurde mittels Pumpbrunnen der Grundwasserspiegel abgesenkt, um den Aushub zu ermöglichen.In den darauffolgenden Etappen wurden mehr als 60 000 Tonnen PFAS-belastetes Material ausgehoben und in Österreich in einer Bodenwaschanlage behandelt. Anschliessend wurde das gewaschene Grobmaterial im Zementwerk verwertet und das Feinmaterial sowie die beladenen Filter aus der Bodenwäsche in einer Anlage für Sonderabfälle thermisch behandelt. Heute und für mindestens die kommenden zehn Jahre wird der Standort zudem durch eine hydraulische Barriere eingedämmt, wie Genolet-Leubin erläutert. So wird die Restbelastung unter dem Grundwasserspiegel allmählich ausgewaschen und die Pumpbarriere sorgt dafür, dass die PFAS nicht weiter in die Umwelt gelangen.

Langfristige Strategie

Der Kanton Wallis hatte schon im Jahr 2021 eine Strategie zur Bekämpfung von PFAS festgelegt und die Überwachung des Grundwassers verstärkt. Danach waren mehrere Massnahmen umgesetzt worden. «Auch unterhalb der Chemiestandorte Visp, Evionnaz und Monthey wird die Verschmutzung, die durch PFAS-haltige Löschschäume entstanden ist, durch hydraulische Barrieren gesichert», sagt Genolet-Leubin. Seit 2024 ist dies auch unterhalb der ehemaligen Raffinerie in Collombey-Muraz der Fall. Parallel dazu werden das Grundwasser, Oberflächen­gewässer sowie Kanäle und Schächte in und ausserhalb der Schadstoffareale regelmässig kontrolliert. Das gelte auch für Lebens­mittel wie Fische und Gemüse aus diesen Gebieten, sagt Genolet-Leubin. «Dadurch können wir die Prioritäten der nächsten Massnahmen richtig setzen und entsprechend planen.»

Im August 2023 veröffentlichte die Walliser Dienststelle für Umwelt die Ergebnisse einer Studie, die lanciert worden war, nachdem in Fischen aus zwei Teichen und einem Kanal PFAS festgestellt worden waren. Die Fischerei ist dort nun verboten. Für die anderen Gewässer des Kantons gab die Studie aber Entwarnung: Die PFAS-Konzentrationen in den vierzehn Fischen, die aus weiteren Walliser Gewässern entnommen wurden, lagen alle unterhalb der Grenzwerte der Europäischen Kommission. Ähnliche Analysen bei Fischzuchten ergaben auch dort: Der Verzehr der Fische birgt kein Gesundheitsrisiko.

Fortschritte bei der Reglementierung

Beim BAFU sind unterschiedliche Bestrebungen im Gange, um konkrete Lösungen für den Umgang mit PFAS-Belastungen zu finden. Insbesondere hat das Bundesamt gemeinsam mit den Kantonen die Umsetzung einer Motion der Walliser Ständerätin Marianne Maret in Angriff genommen. Sie fordert den Bundesrat auf, rasch einen rechtlichen Rahmen zur Bekämpfung der PFAS-Verschmutzung festzulegen. Konkret sollen etwa Grenzwerte für die Entsorgung von PFAS-belasteten Abfällen, Konzentrationswerte zur Evaluierung des Sanierungsbedarfs PFAS-belasteter Standorte sowie die Bedingungen für die Einleitung in Gewässer definiert werden.

Auch auf europäischer Ebene gibt es Veränderungen. Im Februar 2023 veröffentlichte die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) einen umfangreichen Vorschlag zur Beschränkung von PFAS. Dieser Beschränkungsvorschlag könnte zum Wegbereiter für ein generelles Verbot dieser Stoffe unter REACH, der europäischen Verordnung zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe, werden.

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Letzte Änderung 03.04.2024

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