Veränderungen sichtbar machen: Fotografie im Dienste der Raumplanung

Von Schlieren bis zum Chasseral gewinnt die fotografische Landschaftsbeobachtung in der Schweiz an Bedeutung. Ihren Anhängern zufolge kann sie als Orientierungshilfe für die Raumplanung dienen. 

Text: Patricia Michaud

Ortsbild Schlieren Vergleich 2005 - 2011
Ortsbild in Schlieren: Vergleich 2005 und 2011
© Fotografische Langzeitbeobachtung Schlieren/ZHdK

Das Bild aus dem Jahr 2005 zeigt eine typische Strassenkreuzung innerorts: im Vordergrund rechts ein gräuliches Wohngebäude, im Hintergrund links eine Garage, vor der Neuwagen ausgestellt sind. Rechts im Hintergrund eine unbebaute Parzelle. Die gleiche Kreuzung vier Jahre danach (2009) aus dem gleichen Blickwinkel fotografiert: Hinter dem vormals unbebauten Grundstück erhebt sich ein imposantes Wohngebäude mit blau-weisser Fassade. Zwei Jahre später (2011) sind vor und hinter dem blau-weissen Wohnblock weitere Gebäude im Bau. Eine neue Passerelle führt über die Strasse. 2017 ist das einst graue Wohnhaus im Vordergrund hinter Gerüsten versteckt, 2019 überrascht es mit einer vollkommen renovierten Fassade.

Zwischen 2005 und 2020 wurde die Entwicklung der Zürcher Gemeinde Schlieren im Limmattal mithilfe von Fotografien akribisch dokumentiert. Alle zwei Jahre wurden von 63 verschiedenen Orten im Siedlungsgebiet Aufnahmen gemacht – stets aus der gleichen Perspektive und unter vergleichbaren Bedingungen. Diese «Fotografische Langzeitbeobachtung Schlieren 2005–2020» wurde von einem Team des Institute for Contemporary Art Research (IFCAR) der Zürcher Hochschule der Künste unter der Leitung von Meret Wandeler und Ulrich Görlich initiiert. Die erste Projektphase neigt sich dem Ende zu. «Wir wollten Fotografie und angewandte Forschung miteinander verbinden», erinnert sich Görlich. «Als wir erfuhren, dass die Firma Metron ein Stadtentwicklungskonzept für Schlieren erarbeitete, haben wir vorgeschlagen, uns zu beteiligen und zu dokumentieren, wie sich die Realisierung des Konzepts landschaftlich auswirkt.»

Schock der Bilder 

Auch anderswo in der Schweiz wurden Projekte zur fotografischen Landschaftsbeobachtung lanciert. Dabei werden verschiedene Standorte in regelmässigen Abständen aus demselben Blickwinkel fotografiert. So wird die Veränderung der Landschaft bildlich nachvollziehbar. In verschiedenen Werken wurde dieser Ansatz mittels Gegenüberstellung von Aufnahmen, die mehrere Jahrzehnte auseinanderliegen, bereits umgesetzt. Ein Beispiel dafür ist der Bildband «Glaciers: Passé-présent du Rhône au Mont-Blanc», welcher das dramatische Abschmelzen der Gletscher dokumentiert. «Solche Projekte entfalten eine enorme kommunikative Wirkung», betont Gilles Rudaz von der Sektion Landschaftspolitik des BAFU. «Mit Zahlen lassen sich flächen- und volumenmässige Veränderung der Gletscher zwar präzise beschreiben, aber nichts führt den Gletscherschwund deutlicher vor Augen als ein bildlicher Vorher-nachher-Vergleich.»

2017 haben auch die Regionalen Naturpärke Chasseral und Doubs ein «spannendes Projekt zur fotografischen Landschaftsbeobachtung» lanciert, so Gilles Rudaz: Mehrere Dutzend Standorte in beiden Parkgebieten werden von sogenannten Patinnen und Paten dokumentiert – von Menschen aus der Region, die sich verpflichten, diese Orte in regelmässigen Abständen zu fotografieren; beispielsweise eine ehemalige Fabrik in Courtelary (BE) oder die Kantonsstrasse zwischen Villeret und Corgémont. An der Haute Ecole d’Ingénierie et de Gestion des Kantons Waadt wurde eine ausgefeilte Technik zur Geolokalisierung historischer Aufnahmen von Schweizer Landschaften entwickelt. Im Internet sind Archivbilder verfügbar, die von Partnern wie etwa der ETH Lausanne, der Nationalbibliothek oder dem Bundesamt für Landestopografie (swisstopo) bereitgestellt werden. Wer einen der abgebildeten Orte erkennt, kann das Bild auf einem virtuellen 3-D-Globus dem entsprechenden Ort zuordnen.

Wie war es wirklich?

Um die Verantwortlichen der verschiedenen Projekte in der Schweiz zusammenzubringen, hat das BAFU im Februar einen Workshop durchgeführt. 23 Protagonisten der fotografischen Landschaftsbeobachtung nahmen daran teil, darunter auch Vertreterinnen und Vertreter aus Schlieren. «Besonders interessant am Projekt von Schlieren ist, dass die Bilder aus der Fussgängerperspektive aufgenommen werden und die Entwicklung der Alltagslandschaft dokumentieren», erklärt Gilles Rudaz. Die Zeitreihen der Bilder machen subtile Veränderungen der landschaftlichen Qualitäten erkennbar. Darin unterscheiden sie sich von Luftaufnahmen, die im Abstand von zehn Jahren angefertigt werden. Die Projektleiterin Meret Wandeler pflichtet bei: «Nur die Fotografie kann Entwicklungen deutlich machen, die zwar weniger auffällig, aber dennoch überaus aufschlussreich sind.»

Schlierens Stadtplanerin Barbara Meyer ihrerseits schätzt die Möglichkeit, anhand dieses wertvollen Bildarchivs Fakten nachzuprüfen: «Manchmal erhalte ich Anrufe von Personen, die meinen, dass es früher besser war. Dank den Bildern kann ich anhand verschiedenster Parameter selbst nachprüfen, ob diese Bedenken gerechtfertigt sind. Vielleicht wurde tatsächlich an einem bestimmten Ort eine Wiese überbaut, aber das Foto zeigt möglicherweise, dass diese Wiese früher für Fussgänger gar nicht zugänglich war.»

Gemeinsame Plattform?

Barbara Meyer geht noch einen Schritt weiter: Sie ist überzeugt, dass die fotografische Landschaftsbeobachtung den Stadtplanungsprozess verbessern kann. Sie ist auf der Suche nach Geldern für die Weiterführung des Projekts in Schlieren nach 2020. Aus den Resultaten des BAFU-Workshops vom Februar 2019 lässt sich ablesen, dass die meisten Teilnehmenden Meyers Ansicht teilen: Die fotografische Landschaftsbeobachtung kann nicht nur bei der Sensibilisierung und der Kommunikation wertvolle Dienste leisten, sondern sollte auch als Raumplanungsinstrument anerkannt und eingesetzt werden.

Auch in Frankreich ist man vom Nutzen der fotografischen Landschaftsbeobachtung überzeugt. Bereits 1984 hatten die Behörden eine Fotomission ins Leben gerufen, die 1989 in die Schaffung eines nationalen fotografischen Landschaftsobservatoriums mündete. Ein geeignetes Beispiel für die Schweiz? «Nicht unbedingt», meint Gilles Rudaz. Der Fachmann des BAFU wünscht sich stattdessen eine Harmonisierung des Vorgehens, damit gemeinsame Bestände oder sogar eine gemeinsame Plattform geschaffen werden könnten. Dies würde einen echten Mehrwert bieten. «Ein Abgleich der Daten aus den verschiedenen Projekten in der Schweiz könnte wertvolle Erkenntnisse liefern.» Erkenntnisse, die zwangsläufig zur Landschaftsqualität beitragen würden.

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Letzte Änderung 02.09.2020

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3/2020 Landschaften

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