Es geht um Schadensbegrenzung

Die Schweizer Gletscher schrumpfen. Dieser unabwendbare Prozess hat Konsequenzen für die nationale Wasserbilanz, die Verhütung von Naturgefahren, den Landschaftsschutz und den Tourismus. Rechtzeitige und angemessene Massnahmen sind das Gebot der Stunde. 

Text: Patricia Michaud

Der Balmhorngletscher im Berner Oberland.
© Bild: Hansruedi Weyrich

Der Blick vom Bettmerhorn (VS) auf den Grossen Aletschgletscher bestätigt einen traurigen Trend: Die Schweizer Gletscher schrumpfen unaufhaltsam. Laut den Schlussfolgerungen des schweizerischen Gletschernetzwerkes GLAMOS hat sichdie Eismasse hierzulande seit 2015 um weitere10 Prozent zurückgebildet. Im gesamten Alpenraum hat das Gletschervolumen seit 1850 um über 60 Prozent abgenommen. Einige kleine Gletscher in niedriger Lage sind bereits ganz abgeschmolzen so zum Beispiel der Pizolgletscher, für den im September 2019 eine symbolische Abschiedsfeier stattfand.

Die alarmierende Entwicklung setzt sich leider fort. «Selbst wenn es gelänge, die Klimaerwärmung morgen zu stoppen, würden wir noch 35 Prozent der verbleibenden Gletschermasse in den Alpen verlieren», warnt Glaziologe Jean-Baptiste Bosson. Da ein plötzlicher Stopp nicht möglich ist, zeichnen sich zwei Szenarien ab. Gemäss dem optimistischeren Szenario würden bis zum Jahr 2100 60 Prozent des heutigen Gletschervolumens schmelzen. «Allerdings nur für den Fall, dass das Pariser Klima-Übereinkommen eingehalten wird und dass wir rasch handeln, das heisst in den nächsten 15 bis 20 Jahren. Danach hat der Klimawandel den Point of no Return erreicht», so Bosson. In letzterem Fall würde das zweite Szenario eintreten, bei dem über 90 Prozent der heutigen Gletschermasse verschwinden könnten. Im Klartext bedeutet dies «das komplette Verschwinden der alpinen Gletscher und eine drastische Veränderung unserer Landschaft», wie Jean-Baptiste Bosson festhält. Dem Gletscher-Experten zufolge kann bestenfalls nur ein kleiner Teil unserer Gletscher gerettet werden.

Zuerst mehr Wasser, dann weniger

Die Gletscherschmelze beschäftigt nicht nur Prognostiker und Klimaexperten. In der Schweiz ist der Bereich Wasser von den Auswirkungen besonders betroffen. Die Fachleute arbeiten intensiv an der Evaluation der Konsequenzen für den nationalen Wasserhaushalt. Mit dem Forschungsprojekt Hydro-CH2018 werden die hydrologischen Szenarien basierend auf den neuen Klimaprognosen aktualisiert. Dabei zeichnen sich zwei zeitlich aufeinanderfolgende Entwicklungen ab. «Seit den 2000er-Jahren liefert die beschleunigte Gletscherschmelze im Sommer zusätzliches Wasser, wodurch sich beispielsweise die jährliche Wasserkraftproduktion erhöhen oder die Defizite an Bodenwasser durch Bewässerung in heissen, trockenen Sommern ausgleichen lassen», erklärt Bettina Schaefli, Professorin an der Universität Bern und Koautorin des Berichts Hydro-CH2018.

Viele kleine Gletscher in der Schweiz sind in-zwischen jedoch so stark geschrumpft, dass siebereits wieder weniger Schmelzwasser abgeben. Auch bei den grossen Gletschern wird dies zwischen 2030 und 2050 der Fall sein. «Bis 2085 muss mit einem starken Rückgang der sommerlichen Abflüsse um −40 bis −60 % in den Flüssen im Hochgebirge gerechnet werden», sagt Petra Schmocker-Fackel, Projektleiterin Hydro-CH2018. 

Alle Wassernutzer, wie die Wasserkraft oder die Landwirtschaft, müssen sich also an das verringerte Dargebot anpassen.

Mehr Naturgefahren

Mit dem Gletscherschwund treten in der Schweiz auch neue Naturgefahren auf. «Wir beobachten drei direkt damit verbundene Prozesse: Eisabbrüche und Lawinenabgänge, Entleerungen von Gletschertaschen sowie instabile Felshänge», erklärt Hugo Raetzo von der Sektion Rutschungen, Lawinen und Schutzwald des BAFU. Den dritten Punkt veranschaulicht er an einem Beispiel, das in den Medien grosses Aufsehen erregt hat: Wegen der instabilen Bergflanke oberhalb des Aletschgletschers mussten Wanderwege auf dem Moosfluh-Grat bei Riederalp (VS) teilweise gesperrt werden.

Auf der Plaine Morte entsteht derweil ein Gletschersee, der sich bei Schneeschmelze fast schlagartig durch Gletschermühlen entleert und auf der Berner Seite des Gletschers an der Lenk zu Überschwemmungen führt. Um dies zu vermeiden, wurde im Sommer 2019 ein Entlastungskanal ins Eis gebohrt  nach Auffassung des BAFU-Experten eine sehr innovative Lösung. Zudem wurde ein höchst ausgeklügeltes Überwachungs- und Alarmsystem eingerichtet. Und in der Region Randa (VS) müssen die Bewohnerinnen und Bewohner damit leben, dass wegen Lawinenabgängen vom Bisgletscher an der Ostflanke des Weisshorns immer wieder die Strasse oder die Eisenbahnlinie gesperrt wird.

«Das Problem der Gletscherschmelze wird durch die Erwärmung der Permafrostböden noch verschärft. Daraus ergibt sich eine ganze Reihe zusätzlicher Herausforderungen», stellt Hugo Raetzo fest. Die gefrorene unterirdische Bodenschicht, die in den Alpen oberhalb von 2500 Metern grossflächig vorkommt, ist während des ganzen Jahres Veränderungenausgesetzt mit weitreichenden Konsequenzen im Bereich Naturgefahren. Der Experte des BAFU nennt den Fall von Kandersteg (BE): Das Bergdorf ist mit dem gesamten Gefahrenspektrum im Zusammenhang mit Permafrost und instabilen Berghängen konfrontiert, also mit Felsstürzen, Erdrutschen, Murgängen, Hochwassern und Überschwemmungen. «Hier wurde eine massive Operation mit Sensoren, Bohrungen, Modellierungen, Dämmen usw. durchgeführt», erklärt er.

Wahrzeichen verschwindet

Mit der Gletscherschmelze stellt sich auch dieFrage nach dem absehbaren Verschwinden eines nationalen Wahrzeichens. «Die Berge sind das Emblem der Schweiz, und die Gletscher verkörpern die schweizerische Alpen- und Bergwelt», betontGilles Rudaz von der Sektion Landschaftspolitik des BAFU. Die Zahlen sprechen für sich: Über60 Prozent der Schweizer Gletscher sind im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler (BLN) erfasst laut Gilles Rudaz «ein Zeichen, dass ihre Erhaltung ein wichtiges Anliegen ist». Erwähnenswert ist auch, dass das Gebiet Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch seit 2001 als UNESCO-Welterbe eingestuft ist.

Berge und Gletscher gehören bekanntlich zu den beliebtesten Tourismusattraktionen in der Schweiz, wie eine Sprecherin von Schweiz Tourismus (ST) berichtet. Dessen «Tourismus Monitor Schweiz 2017» zeigt, dass für über 60 Prozent der schweizerischen und ausländischen Gäste die Berge ganz oben auf der Wunschliste stehen, dicht gefolgt von der Natur (über 50 %). Und in den Bergen sind gerade die Gletscher eine grosse Attraktion. Obwohl sich die Auswirkung der Gletscherschmelze auf die Besucherzahlen heute kaum statistisch erfassen lässt, stellt der Dachverband fest, dass Schweizer Tourismus­anbieter dem notwendigen Schutz der Umwelt einschliesslich der Gletscher grosse Bedeutung beimessen.

Schlüsselkomponente des Klimasystems

In einigen Landesregionen äussert sich der Wunsch, die Gletscher zu schützen, in Aufwertungsmassnahmen oder in lokalen «Rettungsaktionen». So werden die Eisgrotte im Rhonegletscher (VS) und der Diavolezza-Gletscher (GR) im Sommer mit Planen bedeckt, um die Schneedecke für die Skisaison zu erhalten. Ein weiteres Beispiel ist das umstrittene Projekt der künstlichen Beschneiung des Morteratsch-Gletschers (GR). Laut Gilles Rudaz vom BAFU sagen diese Massnahmen einiges über unser Verhältnis zur Umwelt aus: «Da wir nicht in der Lage sind, das Problem an der Wurzel zu packen, betreiben wir bei den Auswirkungen ‹Pflästerlipolitik›.» Der Glaziologe Jean-Baptiste Bosson äussert sich ähnlich skeptisch: «Die Antwort auf den Gletscherschwund kann nicht lokal, sondern muss global sein.» Zusammengefasst fordert er: «Es gibt nur eine Lösung: die Klimaerwärmung weltweit begrenzen und auf allen Ebenen handeln!»

Doch warum überhaupt so viel Energie in die Rettung von öden Eislandschaften investieren? «Gletscher sind eben nicht nur die Sahnehäubchen in der Landschaft, die Gletscherforscher, Wandernde und Touristen faszinieren», mahnt Jean-Baptiste Bosson. «Sie bilden eine Schlüsselkomponente des Klimasystems unseres Planeten und beeinflussen den Wasserabfluss und den Meeresspiegel in vielen Regionen der Welt.»

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Letzte Änderung 25.11.2020

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