Störfallvorsorge: Das Wichtigste in Kürze

Das Gefahrenpotenzial für Störfälle hat sich in den letzten Jahren nicht verändert. Die Risiken hingegen steigen infolge der Siedlungsentwicklung im Umfeld der Störfallanlagen.Um die ernsthaften Risiken für Mensch und Umwelt zu begrenzen, sind die Inhaber von Anlagen verpflichtet, in Eigenverantwortung Massnahmen zu treffen.


1. Gefahrenpotential auf Strasse, Schiene, bei Rohrleitungsanlagen und in Betrieben (Ursachen) 

Als mögliche Verursacher von chemischen oder biologischen Störfällen gelten gemäss Störfallverordnung (StFV)

  • Betriebe, die gefährliche chemische Stoffe in grösseren Mengen handhaben oder gefährliche Tätigkeiten mit Organismen durchführen.
  • Verkehrswege (Eisenbahn, Strasse, Schifffahrt), auf denen gefährliche Güter transportiert werden.
  • Erdgashochdruck- und Erdölleitungen (seit April 2013)

1227 Betriebe, rund 12‘000 km Verkehrswege (1‘700 km Eisenbahnen, 10‘200 km Strassen, 11 km Rheinschifffahrt) und rund 2‘450 km Rohrleitungen unterstehen gemäss der neusten Erhebung im Jahre 2017 der Störfallverordnung.

Diese Zahlen blieben in den letzten Jahren stabil. Die Anlagen sind über die ganze Schweiz verteilt, häufen sich aber in den industrialisierten Räumen um Genf, Basel und Zürich sowie im Mittelland.

Die Siedlungen werden sich in Zukunft weiter ausdehnen und vor allem verdichten. Auch der Verkehr auf Strasse und Schiene wird zunehmen. Damit könnten mehr Menschen von möglichen Störfällen betroffen sein.


2. Chemische und biologische Störfälle (Belastungen)

Chemische Störfälle können sich beim Betrieb von Anlagen ereignen, wenn diese grosse Mengen gefährlicher Stoffe, Zubereitungen oder Sonderabfälle handhaben. So erschütterte zum Beispiel am 22. Februar 2004 eine grosse Tankexplosion die Walliser Gemeinde Visp.

Biologische Störfälle können sich bei Tätigkeiten mit mässig bis hoch riskanten Krankheitserregern ereignen. Wenn solche Krankheitserreger frei werden und sich über das Betriebsareal hinaus verbreiten, so wäre von einer erheblichen Bedrohung für die Bevölkerung und die Umwelt auszugehen. Es ist bisher kein Störfall in einem Biotechnologiebetrieb aufgetreten, jedoch haben sich in den vergangenen Jahren kleinere Störungen und Zwischenfälle ereignet.

Störfälle mit gefährlichen Gütern können sich auch auf Verkehrswegen wie Eisenbahnanlagen oder Strassen sowie bei Rohrleitungsanlagen ereignen. So etwa beim Transport von brennbaren Lösungsmitteln, Säuren und Laugen oder druckverflüssigten, giftigen Gasen. Am 6. Juni 2001 kippte ein Tanklastwagen mit 25'000 Litern Heizöl auf der N4 bei Risch im Kanton Zug um. 7'500 Liter flossen aus, ein Teil davon erreichte den Zugersee.


3. Potentielle Risiken, Häufigkeit und Ausmass von Störfällen (Zustand)

Aufgrund von Szenarioüberlegungen lassen sich diejenigen Anlagen bestimmen, bei welchen schwere Schädigungen infolge von Störfällen möglich sind. Für solche Anlagen verlangt die Vollzugsbehörde der StFV vom Inhaber, dass er das Risiko mit einer Risikoermittlung quantitativ abschätzt: Er untersucht anhand von Szenarien, mit welchen Wahrscheinlichkeiten und mit welchen Folgen Störfälle zu erwarten sind.

Im Jahre 2017 bestand für insgesamt 158 Betriebe die Pflicht, eine Risikoermittlung zu erstellen und zu pflegen. Es handelt sich vor allem um

  • Betriebe des Grosshandels mit chemischen Stoffen
  • Anlagen zur Herstellung chemischer Zubereitungen
  • und Anlagen mit grossem Publikumsverkehr (Schwimmbäder, Kunsteisbahnen).

Bei Gefahrenguttransporten auf der Schiene hat das Risiko für Personenschäden von 2011 bis 2015 zwar zugenommen, es gilt jedoch auf dem gesamten Schienennetz im Sinn der Störfallverordnung als tragbar. Auf rund 130 Kilometern Bahnstrecke besteht ein erhöhtes Risiko, das im Übergangsbereich zwischen akzeptablem und nicht akzeptablem Risiko liegt. Durch die Zunahme von Gefahrgutmenge, Bevölkerungsdichte und Anzahl Reisezügen hat sich diese Streckenlänge seit 2011 annähernd verdoppelt

2014 wurde für das Schienennetz eine Analyse der Risiken für die Umwelt durchgeführt. Nicht akzeptable Risiken bestehen auf:

  • 42 Kilometern bezüglich Oberflächengewässern und
  • 10 Kilometern bezüglich Grundwasser.

Welche Risiken von Gefahrguttransporten auf der Strasse ausgehen, wurde 2017 erstmals netzweit erhoben. Nicht tragbare Risiken sind bei Nationalstrassen auf 8 km festgestellt worden. Abgesehen von den Nationalstrassen (2000 km) sind noch nicht alle dem kantonalen Vollzug unterstellten Strassen (8200 km) in einem Screening erfasst.


4. Schwerwiegende Konsequenzen für den Menschen und die Umwelt (Auswirkungen)

Werden bei Störfällen gefährliche Stoffe oder Organismen freigesetzt, so kann dies schwerwiegende Folgen für Mensch und Umwelt haben.

Sind Menschen oder die Umwelt durch einen Störfall mit gefährlichen Stoffen betroffen, so kann dies zu Todesfällen oder Verletzungen oder zu schweren Schädigungen der Oberflächengewässer oder des Grundwassers führen. Beispielsweise können chemische Stoffe, die ätzend und flüchtig sind, die Atemwege schwer schädigen.

Sind Menschen oder die Umwelt durch einen Störfall mit gefährlichen Organismen betroffen, so kann dies zu Krankheiten oder gar zum Tod von anderen Lebewesen führen. Solche gefährliche Organismen sind beispielsweise Tuberkuloseerreger, Milzbrandbakterien, Erreger der Vogelgrippe oder bei Paarhufern die Viren der Maul- und Klauenseuche.


5. Eigenverantwortung der Inhaber, Kontrolle der Eigenverantwortung durch Behörden, Raumplanung (Massnahmen) 

Die Inhaber von Anlagen, die der Störfallverordnung unterstehen, sind dazu verpflichtet, alle erforderlichen Sicherheitsmassnahmen eigenverantwortlich zu treffen. Diese Massnahmen müssen dazu dienen,

  • das Gefahrenpotenzial herabzusetzen
  • Störfälle zu verhindern
  • und die Auswirkungen von Störfällen ausserhalb des Betriebsareals bzw. auf und neben dem Verkehrsweg zu bewältigen.

Die Behörden kontrollieren die Erfüllung dieser Vorsorgepflicht.

Beispiele für Sicherheitsmassnahmen in der Störfallvorsorge sind:

  • Rückhalteeinrichtungen (für im Störfall freigesetzte) wassergefährdende Flüssigkeiten
  • Sensoren zur Messung von toxischen Gaskonzentrationen
  • oder die Koordination von Betriebs- und Gemeindefeuerwehren.

Unbedachte Bautätigkeiten und Zonenplanänderungen können die Personendichte um eine Anlage massgebend beeinflussen und zu vermeidbaren Erhöhungen des Risikos führen. Daher wirken das BAFU und das ARE durch Vollzugshilfen darauf hin, dass eine stärkere Berücksichtigung der Störfallvorsorge bei der Raumplanung stattfindet. Seit April 2013 gibt es zudem einen neuen Artikel in der Störfallverordnung zur Koordination mit der Richt- und Nutzungsplanung.

Auch international hat sich die Schweiz dazu verpflichtet, Industrieunfälle mit grenzüberschreitenden Auswirkungen vorzubeugen, die Risiken zu verringern und die Folgen zu minimieren (Konvention über die grenzüberschreitenden Auswirkungen von Industrieunfällen der UNO-Wirtschaftskommission für Europa (UNECE))

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Letzte Änderung 30.11.2018

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