Wasser: Das Wichtigste in Kürze

Der Schweizer Gewässerschutz ist auf den ersten Blick eine Erfolgsgeschichte. Eine differenzierte Analyse zeigt hingegen erhebliche Defizite beim Umgang mit unseren Gewässern. Sowohl bei der Struktur von Bächen und Flüssen als auch bei der Wasserqualität sind weiterhin grosse Anstrengungen nötig, um einen möglichst vielfältigen Zustand zu erreichen. Nur so kann dieser für die Biodiversität in der Schweiz zentrale Lebensraum mit den künftigen Herausforderungen des Klimawandels fertig werden.


1. Energieproduktion, Landwirtschaft, Siedlungswachstum, Konsum, Klimawandel (Ursachen) 

Gewässer und Wasserressourcen werden durch die Gesellschaft und Wirtschaft vielfältig und intensiv genutzt:

  • für die Gewinnung von Trink- und Brauchwasser
  • für die Energieproduktion
  • als «Arena» für Freizeit und Erholung
  • aber auch für die Entsorgung von Abwasser.

Das Siedlungswachstum, die intensive Landwirtschaft  und der Ausbau der Wasserkraftnutzung verstärken den Druck auf die Gewässer und beeinträchtigen die Gewässerqualität.

Der Klimawandel verändert die zeitliche und räumliche Verfügbarkeit der Wasserresourcen und lässt die Gewässertemperaturen steigen. Dies kann zusammen mit der Intensivierung der Nutzung zunehmend zu Interessenskonflikten führen.

Die Wasserressourcen geraten nicht nur in der Schweiz, sondern auch weltweit zunehmend unter Druck und die globale Konkurrenz um Wasser nimmt zu.


2. Verbauung der Flüsse, Änderung der Wasserführung, Einträge von Nährstoffen und Schadstoffen (Belastungen)

Die Schweiz als Wasserschloss Europas verfügt über grosse Wasserressourcen. Der Wasserverbrauch von Haushalten, Gewerbe und Industrie hat seit 1975 trotz steigender Bevölkerungszahl abgenommen; der Bedarf für die Bewässerung nimmt in Folge des Klimawandels zu.

Die intensive Landwirtschaft und die Bedürfnisse der Gesellschaft üben Druck auf die Qualität von Grund- und Oberflächengewässern aus. Rückstände aus Dünge- und Pflanzenschutzmitteln, Bestandteile von Körperpflegeprodukten, Reinigungsmitteln und Arzneimitteln beeinträchtigen die Wasserqualität. Auch von Strassen und versiegelten Flächen gelangen unerwünschte Stoffe ins Wasser. Diese sogenannten Mikroverunreinigungen können bereits in sehr niedrigen Konzentrationen nachteilige Wirkungen auf die Wasserqualität haben.

Die intensive Raumnutzung hat in der Vergangenheit zu massiven Veränderungen der Gewässerstrukturen sowie zur Verarmung der Landschaft geführt. Zahlreiche Gewässer wurden verbaut oder begradigt, um den zunehmenden Landbedarf zu decken oder Siedlungen vor Hochwasser zu schützen. Der den Gewässern zugestandene Raum ist so vielerorts auf einen Abflusskanal begrenzt.

Durch das Siedlungswachstum und den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur geraten Grundwasserschutzzonen vermehrt unter Druck. Die Flächen im Umfeld von Trinkwasserfassungen werden immer öfter genutzt oder überbaut, und können so ihre Schutzfunktion nicht mehr erfüllen. Dies bedeutet auch, dass die Gewässerschutzgesetzgebung betreffend Grundwasserschutz nicht konsequent genug umgesetzt wird. Als Folge davon müssen Trinkwasserfassungen z.T. aufgehoben werden.

Die Wasserkraftproduktion beeinflusst die Wassermenge und verändert die Strukturen an den Gewässern. Damit die Fliessgewässer ihre Funktion als Lebensraum und Wanderkorridor für die Wasserlebewesen dauerhaft erfüllen können, muss überall genügend Restwasser fliessen. Rund 25 % von den 980 sanierungspflichtigen Wasserentnahmen, die bis 2012 hätten saniert werden sollen, sind noch immer nicht saniert.

Speicherkraftwerke erzeugen für die Produktion von Spitzenenergie schwallartige Abflussschwankungen in den unterliegenden Gewässern. Dabei verändern sich, ähnlich einem künstlich erzeugten Hochwasser, innerhalb von kurzer Zeit der Wasserstand, die Fliessgeschwindigkeit und die Flussbreite. Bis 2030 muss schweizweit bei rund 1000 Wasserkraftwerken die Fischgängigkeit wiederhergestellt werden. Zudem müssen 100 Wasserkraftwerke, die sog. Schwall-Sunk verursachen, saniert werden sowie 500 Wasserkraftwerke und andere Anlagen, die Geschiebedefizite bewirken.


3. Mikroverunreinigungen und Nitrat in Grund- und Oberflächengewässern, Temperaturanstieg, beeinträchtigte Gewässerstrukturen und Abflussmengen, ungenügende Lebensraumqualität (Zustand)  

Die Wasserqualität der Oberflächengewässer hat sich seit den 1960er Jahren bezogen auf die Belastungen mit Nährstoffen insgesamt stark verbessert.  Doch trotz grosser Fortschritte ist der Zustand vieler Oberflächengewässer noch ungenügend. Die kleinen Gewässer sind stark mit Nährstoffen und Pflanzenschutzmitteln aus der Landwirtschaft belastet, und die mittleren und grösseren Gewässer zusätzlich durch Mikroverunreinigungen aus Haushalten und Industrie.

Der Zustand des Grundwassers in der Schweiz erlaubt es immer noch, aus den Grundwasservorkommen einwandfreies Trinkwasser in genügender Menge zu gewinnen. An zahlreichen Messstellen der Nationalen Grundwasserbeobachtung NAQUA treten jedoch Verunreinigungen im Grundwasser auf, v.a. in intensiv landwirtschaftlich genutzten Gebieten. Am stärksten belastet ist das Grundwasser durch Nitrat. Zudem werden an mehr als der Hälfte der NAQUA-Messstellen Rückstände künstlicher und zum Teil langlebiger Substanzen im Grundwasser nachgewiesen, wie z.B. Abbauprodukte von Pflanzenschutzmitteln. Auch wenn dabei die numerischen Anforderungen der Gewässerschutzverordnung GSchV grösstenteils nicht überschritten werden, sind diese Substanzen im Grundwasser grundsätzlich unerwünscht. Längere trockene Phasen können zudem dazu führen, dass die Grundwasserstände vorübergehend sinken.

Im Rhein bei Basel ist die Temperatur seit den 1960er Jahren um mehr als 2°C angestiegen. Zu dieser Entwicklung tragen der Klimawandel und die Einleitung von erwärmtem Wasser beispielsweise aus Kühlanlagen oder Abwassereinigungsanlagen bei. Ähnliche Temperaturerhöhungen können auch in anderen Gewässern im Mittelland festgestellt werden.

Der Klimawandel beeinflusst auch die Wassermengen in den Fliessgewässern: In unvergletscherten Einzugsgebieten nimmt die Wasserführung im Winter tendenziell zu, im Sommer eher ab. Ausgeprägte Niedrigwasserperioden werden im Sommer in der Zukunft häufiger erwartet. Da eine wärmere Atmosphäre mehr Wasser aufnehmen kann, muss mit häufigeren Starkniederschlägen gerechnet werden, die Hochwasserereignisse verursachen können.

Das Schweizer Gewässernetz umfasst rund 65'300 km Fluss- und Bachläufe.

  • Heute sind 14'000km oder 22% des Gewässernetzes durch bauliche Massnahmen wie beispielsweise Mauern, künstliche Stufen oder Uferverbauungen stark verändert oder eingedolt. Bei den Fliessgewässern in den Alpentälern unter 600 m.ü.M. sind sogar 52% der Gesamtgewässerlänge in einem ökomorphologisch schlechten Zustand.
  • 10'800 km der Gewässerstrecken sind stark beeinträchtigt bis naturfremd und haben Renaturierungsbedarf. Stark beeinträchtigt sind vor allem Gewässer in intensiv genutzten, tieferen Lagen.
  • Da seit dem Ende der 1980er-Jahren immer mehr Abschnitte renaturiert worden sind, lässt sich eine leichte Zunahme der naturnahen Flüsse und Bäche beobachten.
  • Von wechselnden Abflussmengen (Schwall und Sunk) sind vor allem alpine Flüsse unterhalb von Speicherkraftwerken bis zu deren Mündung in die Voralpenseen betroffen.
  • Laut Studien ist bei etwa 41% der untersuchten Fliessgewässer (total 1900km) der natürliche Geschiebehaushalt stark beeinträchtigt.

Viele, vor allem kleine Schweizer Fliessgewässer, sind in einem biologisch ungenügenden Zustand. Für Pflanzen und wirbellose Tiere ist die Lebensraumqualität an einem Drittel der Messstandorte ungenügend. Bei den Fischen, die höhere Ansprüche an den Lebensraum stellen, wird der Zustand an zwei Dritteln der Standorte als ungenügend eingestuft. Grund sind mangelhafte Gewässerstrukturen und eine oft ungenügende Wasserqualität.


4. Beeinträchtigte Lebensräume und Tier- und Pflanzenwelt, Hochwasser, Trinkwassergewinnung (Auswirkungen)  

Die Wassertemperatur gehört zu den wichtigsten Regulatoren von Lebensvorgängen in Gewässern. Wasserlebewesen reagieren empfindlich auf den Temperaturanstieg: Beispielsweise können bei Forellen, Felchen oder Äschen Wassertemperaturen von 18-20°C Stresssymptome auslösen. Temperaturen über 25°C können tödlich sein.

Mikroverunreinigungen haben bereits in sehr tiefen Konzentrationen nachteilige Wirkungen auf aquatische Ökosysteme. Beispielsweise können hormonaktive Stoffe das Hormonsystem von Wasserlebewesen beeinflussen und so die Fruchtbarkeit schädigen.

Veränderungen der Struktur der Fliessgewässer haben Auswirkungen auf die Pflanzen- und Tierwelt: Bei verbauten Gewässern fehlen die für die Wasserlebewesen notwendigen Lebensräume (z.B. Kiesbänke, Abfolgen von Tief- und Flachwasserzonen, periodisch überflutete Bereiche). Künstliche Stufen stellen Wanderhindernisse für Fische und andere Wasserlebewesen dar.

Die starke Beeinträchtigung der Gewässer und der Feuchtgebiete spiegelt sich in den Roten Listen der gefährdeten Arten wider. Über ein Fünftel der vom Aussterben bedrohten oder in der Schweiz ausgestorbenen Arten sind an Gewässer gebunden, ein weiteres Fünftel an Ufer und Feuchtgebiete.Stark schwankende Wassermengen (Schwall und Sunk) gefährden die Wassertiere: Bei Schwall werden sie weggespült, bei Sunk besteht die Gefahr, dass sie am Ufer stranden.

Im Falle eines Hochwassers fehlt verbauten Gewässern der Platz und Überschwemmungen mit grossen Schäden können die Folge sein.

Über 80% des Trinkwassers in der Schweiz werden aus Grundwasser gewonnen. Rund 40% dieses Grundwassers kann ohne Aufbereitung direkt ins Trinkwassernetz eingespeist werden, weitere 30% werden lediglich vorsorglich mit Desinfektionsmitteln behandelt. Die Präsenz von Rückständen aus Dünge- und Pflanzenschutzmitteln im Grundwasser sowie die zunehmende Überbauung von Grundwasserschutzzonen setzen die Trinkwasserressourcen jedoch gebietsweise erheblich unter Druck.

Infolge des Klimawandels können in Zukunft v.a. in Trockenperioden Versorgungsengpässe und damit Konflikte zwischen der Trinkwasser- und weiteren Nutzungen (z. B.  Bewässerung in der Landwirtschaft) auftreten.


5. Renaturierungen, Schutz- und Nutzungsvorschriften, Abwasserreinigung (Massnahmen)  

Durch das Gewässerschutzgesetz und die dazugehörige Verordnung verfügt der Gewässerschutz in der Schweiz über eine gute gesetzliche Grundlage. Seit dem 1.1.2011 fordert das Gesetz die Renaturierung von Flüssen und Seen, um deren natürliche Funktionen wiederherzustellen und deren gesellschaftlichen Nutzen zu stärken.

Dazu müssen die Kantone einen minimalen Gewässerraum ausscheiden. Landwirtschaftliche Flächen im Gewässerraum müssen als ökologische Ausgleichsflächen bewirtschaftet werden. Das landwirtschaftliche Budget wurde dazu um 20 Mio. CHF aufgestockt. Für die Renaturierungen stehen rund 30 bis 40 Mio. CHF pro Jahr zur Verfügung. Die Kantone haben ihre strategischen Planungen bis Ende 2014 abgeschlossen. Erste Projekte werden bereits umgesetzt.

Weiter müssen bis 2030 die negativen Auswirkungen der Wasserkraftnutzung wie z.B. Schwall-Sunk beseitigt und die Fischwanderung gewährleistet werden. Dazu stehen jährlich 50 Mio. CHF zur Verfügung (Zuschlag auf die Übertragungskosten der Hochspannungsnetze)..

Mit dem Bau von Abwasserreinigungsanlagen (ARA) konnte die Gewässerqualität seit den 1960er Jahren generell stark verbessert werden. Rund 1500 Millionen Kubikmeter Abwasser werden jährlich in den ARA sachgerecht behandelt.

Das Problem der Einträge von Mikroverunreinigungen in die Gewässer ist erkannt worden. 2016 startete die Umsetzung der Massnahmen zur Elimination von Mikroverunreinigungen. Gemäss den in der Gewässerschutzverordnung festgelegten Kriterien bestimmen die Kantone, welche ARA‘s auszubauen sind, und sie vollziehen die Massnahmen. Werden künftig rund 100 gezielt ausgewählte ARA's mit einer zusätzlichen Reinigungsstufe ergänzt, lassen sich fast zwei Drittel aller Abwässer von Mikroverunreinigungen reinigen. Die notwendigen Investitionen werden über eine schweizweite Abwasserabgabe finanziert.

Um die Einträge von Pflanzenschutzmittel, vor allem aus der Landwirtschaft, in die Gewässer zu reduzieren, hat der Bundesrat einen Aktionsplan zur Risikoreduktion und nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln beschlossen. Dieser legt messbare Ziele und konkrete Massnahmen fest.

Um den Auswirkungen der klimabedingten Veränderungen des Wasserkreislaufs zu begegnen und die Nutzungskonflikte zu vermeiden, müssen in der Wasserwirtschaft Anpassungen getroffen werden. Der Bund erarbeitet zurzeit weitere wissenschaftliche Grundlagen (z.B. Klimafolgenmodellierung) und stellt Praxisgrundlagen zum Umgang mit Wasserknappheitsproblemen zur Verfügung.

Zusammen mit den Anrainerstaaten grenzüberschreitender Gewässern arbeitet der Bund bei Programmen zum Sektor übergreifenden Wassermanagement in internationalen Einzugsgebieten mit, wie etwa im Programm «Rhein 2020». Die Schweiz unterstützt dabei die EU-Mitgliedstaaten bei der Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie im Rahmen der völkerrechtlichen Übereinkommen und im Rahmen ihrer nationalen Gesetzgebung.

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Letzte Änderung 30.11.2018

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