Kunststoffe in der Umwelt

Kunststoffe gehören nicht in die Umwelt. Dennoch gelangen in der Schweiz jedes Jahr rund 14'000 Tonnen Kunststoffe in die Böden und Gewässer – hauptsächlich durch den Abrieb und die Zersetzung von Kunststoffprodukten sowie durch die unsachgemässe Entsorgung von Kunststoffabfällen. Da sich Kunststoffe nur sehr langsam abbauen und sich in der Umwelt anreichern, müssen im Sinne des Vorsorgeprinzips die Einträge von Kunststoffen in die Umwelt so weit wie möglich reduziert werden.  

Teller mit Kunststoffabfall
© Aleksey Boyoko / Shutterstock

Vielseitiger Werkstoff und damit verbundene Umweltbelastung

In der Schweiz werden grosse Mengen Kunststoffe verwendet. Jedes Jahr werden eine Million Tonnen Kunststoffe verarbeitet, dies sowohl für langlebige Produkte wie Fensterrahmen oder Karosserieteile für Autos als auch für kurzlebige Produkte wie Verpackungen oder Einweggeschirr. Pro Jahr werden rund 780’000 Tonnen Kunststoffe einerseits thermisch in Kehrichtverbrennungsanlagen und Zementwerken, andererseits durch Recycling verwertet.

Durch den Gebrauch von Kunststoffprodukten sowie durch die unsachgemässe Entsorgung von Kunststoffabfällen gelangen Kunststoffe in die Umwelt. Diese Vielseitigkeit des Einsatzes und die Beständigkeit von Kunststoffen führen dazu, dass Kunststoffe in Böden, Oberflächengewässern und deren Sedimenten, der Luft sowie im Verdauungstrakt von Lebewesen gefunden werden. Die Umweltauswirkungen dieses Eintrages sind indessen noch wenig erforscht.

Damit das Ausmass der Belastung der Umwelt durch Kunststoffe erfasst werden kann, ist es wichtig, zwischen Makroplastik und Mikroplastik zu unterscheiden. Je nach Partikelgrösse sind die Quellen und Eintragswege sowie die möglichen Auswirkungen auf Lebewesen nämlich sehr unterschiedlich. Diese Unterscheidung gibt somit Hinweise über mögliche Verminderungsmassnahmen.


Makro- und Mikroplastik

Kunststoffteile, welche grösser als 5 Millimeter sind sowie Kunststoffabfälle, werden als Makroplastik, solche, die kleiner als 5 Millimeter und kaum sichtbar sind, werden als Mikroplastik bezeichnet. Mikroplastik kann weiter unterteilt werden in primäres und sekundäres Mikroplastik. Primäres Mikroplastik sind Kunststoffteilchen, welche bewusst als solche hergestellt und unter anderem Produkten beigefügt werden (z.B. als Reibkörper in Kosmetika).

Sekundäres Mikroplastik entsteht während der Nutzung und Entsorgung von Kunststoffprodukten (z.B. Abrieb von Autoreifen oder Faserabrieb beim Waschen synthetischer Textilien) oder bei der Zersetzung von Makro- zu Mikroplastik.


Wie Kunststoffe in die Umwelt gelangen

Basierend auf den verfügbaren Daten aus Studien und Hochrechnungen für die Schweiz schätzt das BAFU, dass jährlich rund 14'000 Tonnen Makro- und Mikroplastik in unsere Böden, Oberflächengewässer und deren Sedimente eingetragen werden. Der Grossteil dieses Kunststoffeintrages stammt aus Reifenabrieb (rund 8'000 Tonnen) gefolgt von Littering (rund 2'700 Tonnen) und weiteren Quellen. Im untenstehenden Stoffflussdiagram werden die Mengen der wichtigsten Quellen, Rückhaltemechanismen und Entsorgung sowie Senken von Kunststoffen in der Umwelt dargestellt.

Stoffflussdiagramm Kunststoffe
Stoffflussdiagramm der Hauptemissionsquellen, der wichtigsten Rückhaltemechanismen und Entsorgung sowie der Senken von Kunststoffen in der Schweiz.

Hauptemissionsquellen (vgl. oberste Kastenreihe im Stoffflussdiagramm)
Makroplastik gelangt vor allem durch die unsachgemässe Entsorgung von Kunststoffabfällen (z.B. Littering, Kunststoffe in der Grüngutsammlung) in die Umwelt. Mikroplastik wird mehrheitlich durch den Abrieb und die Zersetzung von Kunststoffprodukten (z.B. Reifenabrieb) als sogenannt sekundäres Mikroplastik freigesetzt. Der Eintrag durch Mikroplastik, das bewusst Produkten zugefügt wurde (z.B. Reibkörper in Kosmetika) oder durch den Faserabrieb beim Waschen synthetischer Textilien ins Abwasser gelangt, ist verglichen mit dem Gesamteintrag in die Umwelt gering, führt jedoch in Oberflächengewässern zu bedeutenden Einträgen.

Rückhaltemechanismen und Entsorgung (vgl. mittlere Kastenreihe im Stoffflussdiagramm)
Das Stoffflussdiagramm zeigt auch eine Reihe an etablierten Massnahmen auf, welche als Rückhaltemechanismen und durch die Abfallentsorgung den Eintrag von Kunststoffen in die Umwelt reduzieren. So leistet die Schweizer Siedlungsabfall- und Abwasserwirtschaft einen wichtigen Beitrag, dass Kunststoffe gar nicht erst in die Umwelt gelangen. Jedoch werden diffuse Einträge wie Autoreifenabrieb oder gelitterte Abfälle nicht vollständig von diesen Reinigungsmassnahmen oder Rückhaltemechanismen erfasst und gelangen so durch Abschwemmung von Regenwasser oder Luftverfrachtung in die Umwelt.

Senken (vgl. untere Kastenreihe im Stoffflussdiagramm)
Die in der Umwelt freigesetzten Kunststoffe verbleiben langfristig in den Senken, d.h. in Sedimenten von Gewässern und in den Böden. Gemäss aktuellem Wissensstand sind die Konzentrationen von Kunststoffen auf und in den Böden höher als in den Oberflächengewässern, demzufolge muss dem Bodeneintrag vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt werden.


Forschungsbedarf über Kunststoffe in der Umwelt

Aufgrund der Komplexität der Stoffströme von Kunststoffen in der Umwelt gibt es diverse Bereiche, in denen der Wissenstand noch ungenügend ist. Es sind noch umfangreiche Forschungsaktivitäten notwendig, um die Wissenslücken in folgenden Bereichen zu schliessen:

  • Erlangung vertiefter Kenntnisse über den Eintrag von Kunststoffen in die Umwelt;
  • Kenntnisse über den Verbleib, das Verhalten und den Abbau von Kunststoffen in der Umwelt;
  • Informationen über Auswirkungen von Kunststoffen auf Lebewesen und Ökosysteme.

In allen drei Bereichen existieren zwar bereits einzelne Angaben, aber diese sind oft mit hohen Unsicherheiten behaftet und aufgrund unterschiedlicher Methodik und Einheiten schwer vergleich- und interpretierbar. Für sehr kleine Partikel (z.B. Reifenabrieb) ist eine praxistaugliche Messmethodik noch zu entwickeln, da sie mit den gängigen heutigen Methoden nicht erfasst werden können.


Aktueller Wissensstand für die Öffentlichkeit zusammengefasst

Im Übersichtsbericht «Plastik in der Schweizer Umwelt» werden die aktuellen Kenntnisse zur Umweltbelastung durch Kunststoffe (Stand Herbst 2019) basierend auf bereits veröffentlichten Studien zusammengetragen und eingeordnet.

Das BAFU hat diesen aktuellen Wissensstand sowie die Kernbotschaften für ein interessiertes Publikum in zehn Faktenblättern zu den Hauptthemen rund um «Kunststoffe in der Umwelt» zusammengefasst.


Kunststoffeinträge in die Umwelt so weit wie möglich reduzieren

Kunststoffe bauen sich in der Umwelt kaum oder nur über sehr lange Zeit – mitunter bis zu mehreren hundert Jahren – ab. Sie reichern sich somit in der Umwelt an. Im Sinne des Vorsorgeprinzips müssen die Einträge von Kunststoffen in die Umwelt so weit wie möglich reduziert werden.

Makroplastik zersetzt sich mit der Zeit zu Mikroplastik, aber Kunststoffe bauen sich kaum oder nur sehr langsam vollständig in der Umwelt ab.
© BAFU

Die Diskussion über dringende Massnahmen zur Reduktion der Umweltbelastung durch Kunststoffe ist in der Schweiz, wie auch im Ausland, in vollem Gange. Dies zeigt die bedeutende Anzahl an politischen Vorstössen, welche aktuell zum Thema Kunststoffe im Parlament behandelt und in der Verwaltung bearbeitet werden. Im Rahmen der bereits angenommenen Postulate Thorens Goumaz (18.3196) und Munz (18.3496) ist das BAFU daran in einem Bericht mögliche Massnahmen zur Reduktion des Umwelteintrages durch Kunststoffe und zur Förderung der Kreislaufwirtschaft aufzuzeigen. Mit der angenommenen Motion 18.3712 «Weniger Plastikmüll in Gewässern und Böden», eingereicht durch die Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie des Nationalrats (UREK-NR), verlangt das Parlament, dass der Bund gemeinsam mit den betroffenen Branchen Massnahmen prüft und ergreift, um der Belastung der Umwelt durch Kunststoffe umfassend und unter Einbezug der Hauptemissionsquellen effizient entgegenzutreten.

Mit der Veröffentlichung des aktuellen Wissensstandes zum Thema wird nun der Grundstein gelegt, auf dessen Basis das BAFU mit den betroffenen Branchen geeignete Massnahmen identifizieren und vorschlagen kann. 

 

Internationale Zusammenarbeit

Im Bereich der Kunststoffabfälle ist die internationale Zusammenarbeit von zentraler Bedeutung. Die globalen Probleme können nur gemeinsam gelöst werden, denn die Schweiz kann den Weg hin zu einer Kreislaufwirtschaft und einem nachhaltigen Umgang mit fossilen Ressourcen nicht im Alleingang schaffen. Das BAFU verfolgt die Entwicklungen in der Europäischen Union (EU) und weltweit intensiv. Die Schweiz setzt sich in internationalen Prozessen für einen nachhaltigen Umgang mit Kunststoffen ein.


Mit Blick nach Europa: EU-Kunststoffstrategie

Die EU hat 2015 den Ersten Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft veröffentlicht, worin Kunststoffe einen von fünf Schwerpunktbereichen bilden. Darauf folgte 2018 die Europäische Strategie für Kunststoffe in der Kreislaufwirtschaft («EU-Kunststoffstrategie»). Die darin skizzierten Massnahmen sollen die Abhängigkeit Europas von importierten fossilen Rohstoffen verringern sowie die CO2-Emissionen reduzieren. Als eines der übergeordneten Ziele beabsichtigt die EU bis 2030 alle Kunststoffverpackungen auf dem EU-Markt wiederverwendbar oder kosteneffizient rezyklierbar zu gestalten.

2019 folgte als Konkretisierung der EU-Kunststoffstrategie die Richtlinie über die Verringerung der Auswirkungen bestimmter Kunststoffprodukte auf die Umwelt («Einwegplastik-Richtlinie», Richtlinie (EU) 2019/904). Diese verpflichtet die Mitgliedstaaten, eine Reihe von Massnahmen umzusetzen, unter anderem zur Reduktion von Einwegprodukten aus Kunststoff. Die EU-Richtlinie sieht teilweise Verbote vor (z.B. Verbot von oxo-abbaubaren Kunststoffen, Trinkhalmen und Einwegbesteck aus Kunststoff). Sie beinhaltet aber auch Sensibilisierungsmassnahmen, Produkt-Kennzeichnungsvorschriften mit einem neuen Logo als Hinweis für die korrekte Entsorgung, die Förderung der erweiterten Herstellerverantwortung oder die Reduktion bestimmter Einwegprodukte aus Kunststoff (z.B. Getränkebecher). Die Mitgliedstaaten der EU müssen in ihren nationalen Gesetzgebungen in den nächsten Jahren entsprechende Massnahmen verankern. Die Schweiz ist nicht verpflichtet, die Einwegplastik-Richtlinie umzusetzen. Das BAFU verfolgt jedoch die Arbeiten der EU und prüft fortlaufend allfällige Anpassungen in der Schweiz.

2020 veröffentlichte die EU einen Neuen Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft, worin die in der Strategie verabschiedeten Massnahmen weiterentwickelt wurden. Die Themenbereiche umfassen unter anderem Vorschläge für verbindliche Anforderungen an den Rezyklatanteil oder für die Schaffung eins klaren politischen Rahmens zur Kennzeichnung von biologisch abbaubaren und biobasierten Kunststoffen. Weiter soll die Umsetzung der Einwegplastik-Richtlinie vorangetrieben sowie das Vorkommen von Mikroplastik in der Umwelt (z.B. Beschränkung für Produkten absichtlich hinzugefügtes Mikroplastik wie in Kosmetika) angegangen werden.

Im europäischen Umfeld wirken die Vertreterinnen und Vertreter der Schweiz auch in verschiedenen auf Kunststoffe fokussierten Arbeitsgruppen mit, wie z. B. in der «Interest Group Plastics» im Netzwerk der Direktoren der nationalen Umweltbehörden Europas («EPA-Network», auf Englisch).

Für weiterführende Informationen zu den Arbeiten der EU, besuchen Sie die Webseite der Europäischen Kommission: Kunststoffe (auf Englisch)


Engagement auf internationaler Ebene

Ein bedeutender Teil der durch Kunststoffe verursachten Umweltbelastungen entsteht bei der Primärproduktion, die grösstenteils im Ausland erfolgt. Das BAFU setzt sich deshalb auch auf internationaler Ebene für einen nachhaltigen Umgang mit Kunststoffen ein und engagiert sich in internationalen Gremien.

Von Bedeutung ist die UNO-Umweltversammlung (UNEA), welche globale Umweltprozesse anstossen und begleiten kann. Die Schweiz unterstützt den Antrag, an der 5. UNO-Umweltversammlung (UNEA) im Februar 2022 Verhandlungen über ein rechtlich verbindliches Abkommen zu Kunststoffen zu starten. Eine solche «Plastikkonvention» hat zum Ziel, den ganzen Lebenszyklus von Kunststoffen abzudecken, um die Umweltbelastung durch Kunststoffe ganzheitlich zu reduzieren. Eine mögliche Plastikkonvention sollte bereits laufende und geplante Massnahmen und Prozesse berücksichtigen. Die Schweiz unterstützt in diesem Zusammenhang Massnahmen, die Informations- und Datengrundlagen ergänzen und die Koordination von bestehenden und neuen Initiativen stärken. Weiter unterstützt sie internationale Instrumente in den Bereichen nachhaltige Produktions- und Konsummuster sowie Chemikalien und Abfall. Ein noch zu etablierendes zwischenstaatliches Wissenschaftspanel für den Chemikalien- und Abfallbereich, analog dem Weltklimarat (IPCC), könnte die Arbeiten einer Plastikkonvention unterstützen.


Zudem ist die Schweiz Vertragspartei des Basler Übereinkommens über die Kontrolle der grenzüberschreitenden Verbringung gefährlicher Abfälle und ihrer Entsorgung. Die Schweizer Delegation hat an der Vertragsstaatenkonferenz des Basler Übereinkommens im Mai 2019 aktiv unterstützt, dass gemischte Kunststoffabfälle ab Beginn 2021 kontrollpflichtig wurden. Alle betroffenen Staaten (Export-, Transit- und Importstaaten) müssen vorgängig zu geplanten grenzüberschreitenden Verbringungen ihre Zustimmung geben. Abfälle, die dem Basler Übereinkommen unterstehen, dürfen aus der Schweiz nur in Staaten exportiert werden, die Mitglied der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bzw. der EU sind. Das BAFU bewilligt Abfallexporte nur dann, wenn die Entsorgungswege abschliessend bekannt sind und die Entsorgung (Verwertung) umweltverträglich erfolgt sowie dem schweizerischen Stand der Technik entspricht.


In diesem Rahmen wurde eine öffentlich-private Partnerschaft für Kunststoffabfälle etabliert («Plastic Waste Partnership», auf Englisch), um Ressourcen, Interessen und Fachwissen aus Wirtschaft, Regierung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zu mobilisieren, die Bewirtschaftung von Kunststoffabfällen zu verbessern und ihre Entstehung möglichst zu verhindern.

 

Weiterführende Informationen

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Letzte Änderung 15.07.2020

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