Klima und Finanzmarkt

Heutige Investitionsentscheide beispielsweise zur Energieversorgung sind mitentscheidend, wie viele Treibhausgase zukünftig emittiert werden. Die Staatengemeinschaft hat sich im Übereinkommen von Paris 2015 drei Hauptziele gesetzt, darunter auch jenes, die allgemeinen Finanzflüsse klimaverträglich auszurichten. Das heisst, künftig soll mehr Geld in umweltfreundliche und zukunftsträchtige, weniger in treibhausgasintensive Technologien und Energieträger investiert werden. Als Vertragspartei des Übereinkommens von Paris bekennt sich die Schweiz zu diesem Ziel. Das heutige Investitionsverhalten unterstützt eine globale Erwärmung von 4–6 Grad Celsius. Eine breite Teilnahme von Versicherungen und Pensionskassen an freiwilligen Klimaverträglichkeitstests deutet darauf hin, dass das Klimabewusstsein innerhalb der Schweizer Finanzbranche stetig wächst.

Finanzflüsse umfassen die verwalteten Vermögen in der Schweiz. Per Ende 2018 waren dies knapp 7000 Milliarden Schweizer Franken. Sie stammen unter anderem aus privaten Spareinlagen bei Banken, Versicherungskapital oder Vorsorgeeinlagen in Pensionskassen und die AHV. Dass Finanzinstitute und institutionelle Investoren Geld möglichst gewinnbringend anlegen, ist im Interesse der Sparer und der Altersvorsorge. Wird transparent gemacht, wie sich Investitionen und Finanzierungen auf das Klima auswirken, können alle bewusst klimarelevante Entscheide fällen.


1.1 Vorerst freiwillige Massnahmen  

Klimaverträglich sind Investitionen und Finanzierungen, wenn sie mit dem international vereinbarten Klimaziel, die globale Erwärmung deutlich unter 2 Grad zu halten, übereinstimmen. Der Ständerat hat dieses Ziel auch explizit im Zweckartikel des totalrevidierten CO2-Gesetzes verankert. Die Umsetzung dieses Ziels soll vorerst durch freiwillige Massnahmen der Finanzbranche erreicht werden. Die Wirkung der freiwilligen Anstrengungen auf das Klima will der Bund periodisch erfassen.

Der Bundesrat hat zudem eine verwaltungsinterne Arbeitsgruppe unter der Leitung des SIF in enger Zusammenarbeit mit dem BAFU eingesetzt (vgl. Medienmitteilung vom 26.06.2019). Diese eruiert die Rahmenbedingungen, die es dem Schweizer Finanzplatz erlauben, im Bereich nachhaltiger Finanzen wettbewerbsfähig zu sein. Zur Frage, ob und wie der Finanzmarkt reguliert werden soll, will der Bundesrat bis Ende 2019 eine Aussprache führen. Zudem soll die Arbeitsgruppe auf einen Abschluss von Branchenvereinbarungen mit den Finanzmarktakteuren hinwirken. Ziel ist, dass solche Selbstverpflichtungen der Branche zur Umsetzung des Übereinkommens von Paris zu mehr Transparenz und einer repräsentativen Teilnahme der einzelnen Finanzmarktakteure an den Klimaverträglichkeitstests zur Fortschrittsmessung führen. Auch hat der Ständerat drei Postulate überwiesen, um weitergehende Massnahmen zu eruieren (vgl. Ritter ‚Recht‘ unten). Zudem wird in Erfüllung des Übereinkommens von Paris für alle relevanten Wirtschaftsbereiche eine langfristige Klimastrategie erarbeitet ("long-term low greenhouse gas emission development strategy"). Darin wird auch die klimaverträgliche Ausrichtung der Finanzflüsse konkretisiert.


1.2 Regelmässige Fortschrittsmessung und internationale Koordination

2017 haben das BAFU und das SIF erstmals Pilottests zur Analyse der Klimaverträglichkeit von Finanzportfolien initiiert. Alle Schweizer Pensionskassen und Versicherungen konnten freiwillig, anonym und kostenlos ihre Aktien- und Unternehmensobligationenportfolien auf ihre Kompatibilität mit einer Erwärmung von weniger als 2 Grad Celsius testen lassen. Der Pensionskassenverband ASIP und der Versicherungsverband SVV haben die Tests unterstützt, die vom Think Tank 2°Investing Initiative durchgeführt wurden.

2020 wird ein nächster Klimaverträglichkeitstest initiiert, für Pensionskassen, Versicherungen und neu auch für Vermögensverwalter und Banken. Das bestehende Modell wird dafür erweitert, beispielsweise für globale Kredite oder Schweizer Immobilienanlagen. Auch qualitative Aspekte wie der Dialog von Investoren mit Firmen (Engagement) sollen berücksichtigt werden. Die Tests werden unter dem Titel ‚PACTA Initiative 2020‘ (PACTA steht für Paris Agreement Capital Transition Assessment) international koordiniert.

Im Vorfeld des UN-Klimagipfels 2019 in New York hat die Schweiz zusammen mit den Niederlanden die Initiative vorgestellt. Die Länder, die sich dieser Initiative anschliessen, unterstützen ihre Finanzinstitutionen dabei, Investitionen auf international vergleichbare Weise auf ihre Klimaverträglichkeit zu prüfen und auf das 1,5-Grad-Ziel des Weltklimarats auszurichten (vgl. Medienmitteilung vom 20.09.2019).

Auf der Internetseite www.transitionmonitor.com finden Sie mehr Informationen zum bestehenden PACTA-Modell, das unlizenziert im Markt zur Verfügung steht. Informationen zum konkreten Testablauf 2020 werden ebenfalls dort ersichtlich sein, wie auch die Erweiterungen des Modells nach deren Fertigstellung.


1.3 Erkenntnisse aus den Klimaverträglichkeitstests

79 Pensionskassen und Versicherungen, welche gemessen an den verwalteten Vermögen rund zwei Drittel des Gesamtmarkts entsprechen, haben 2017 ihre Portfolien auf Klimaverträglichkeit getestet. Das Volumen der untersuchten Vermögen wie auch die Beteiligung unterschiedlich grosser Pensionskassen und Versicherungen ermöglichten eine repräsentative Analyse. Die Resultate zeigen, dass die heutigen Investitionen eine Erwärmung von 4-6 Grad Celsius unterstützen. Es gibt jedoch grosse Unterschiede zwischen einzelnen Versicherungen und Pensionskassen. Einige investieren bereits klimaverträglich, andere immerhin in bestimmten Sektoren oder Anlageklassen. In anderen Sektoren wie beim Ausbau erneuerbarer Energien hingegen hinkt der Durchschnitt der Investoren dem Weltmarkt hinterher. Die Tests können zu einem weiteren Umdenken innerhalb der Schweizer Finanzbranche beitragen.

Hier finden Sie die den Ergebnisbericht «Out of the fog: Quantifying the alignment of Swiss pension funds and insurances with the Paris agreement» der anonymisierten Metadaten in Englisch. Die Zusammenfassung ist auf Deutsch und Französisch verfügbar. Zudem finden Sie die Testberichte, wie sie die Teilnehmenden erhalten haben, mit den Zahlen eines durchschnittlichen Portfolios.


1.4 Risiken des heutigen Investitionsverhaltens

Klimaauswirkungen wie Überschwemmungen und Hitzeperioden können Vermögenswerte tangieren (physische Klimarisiken). Bei einer Erwärmung von 4-6°C sind die prognostizierten Werteverluste massiv höher, als wenn die Eindämmung auf unter der kritischen Schwelle von 2°C gegenüber vorindustrieller Zeit gelingt. Werden weltweit Massnahmen (bspw. eine CO2-Abgabe) ergriffen, die den Verbrauch fossiler Energien einschränken oder direkt verteuern, können betroffene Firmen an Wert verlieren (Transitionsrisiken).  

Um solche Risiken frühzeitig zu erkennen, empfiehlt eine von der Industrie geleitete und vom Financial Stability Board eingesetzte Expertengruppe, 2°C Szenarioanalysen durchzuführen. Mit der Teilnahme an den Klimaverträglichkeitstests haben viele Schweizer Versicherungen und Pensionskassen dies erstmals umgesetzt.


1.5 Rendite klimafreundlicher Investitionsstrategien

Auch mit klimaverträglichen Investitionsstrategien lassen sich marktkonforme Renditen erzielen. Eine Studie des BAFU (2016) zeigt, dass sich in Finanzanlagen gebundene Emissionen um 10 bis 90 Prozent verringern liessen. Schon heute gibt es klimafreundliche Indizes, die entsprechende Strategien umsetzen. In zehn von elf untersuchten Fällen erwies sich die Rendite als höher. Ein besseres Rendite-Risiko-Verhältnis erzielen acht der elf klimafreundlichen Strategien gegenüber ihrem konventionellen Vergleichsindex.


1.6 Bund unterstützt standardisierte Messmethoden

Zur Messung der Klimaverträglichkeit von Finanzportfolien ist ein internationaler ISO Standard (14097) in Entwicklung.
Der Bund unterstützt diese und weitere Bestrebungen zur Entwicklung standardisierter Messgrössen und bringt seine Erkenntnisse aus den verschiedenen Grundlagenstudien in die internationalen Gremien ein. Dadurch kann auch die Öffentlichkeit ein einheitliches Bild der indirekten Wirkungen von Finanzierungen und Investitionen auf das Klima erhalten.


1.7 Nationale und internationale Bestrebungen

Die Europäische Kommission hat im März 2018 einen Aktionsplan mit 10 Massnahmen veröffentlicht. Verschiedene regulatorische Änderungen wie zur Offenlegung von Nachhaltigkeitsrisiken und –wirkungen für alle Finanzprodukte oder zur expliziten Berücksichtigung von nicht-finanziellen Zielen bei der Kundenberatung sollen demnächst in Kraft gesetzt werden. Ein Klassifizierungssystem für ‚grüne‘ wirtschaftliche Aktivitäten (Taxonomy) ist zudem in Erarbeitung.

Verschiedene Aufsichtsbehörden und Zentralbanken haben sich Ende 2017 zum Network for Greening the Financial System (NGFS) zusammengeschlossen. Die SNB und die Finma sind dem Netzwerk auch beigetreten. Ziel ist es, auf freiwilliger Basis Erfahrungen auszutauschen und zur Entwicklung des klimabezogenen Risikomanagements im Finanzsektor beizutragen.

In Frankreich sind institutionelle Vermögensbesitzer seit 2017 verpflichtet, über die Klimaverträglichkeit ihrer Finanzanlagen und ihre Klimastrategien zu berichten. Schweden ist mit staatlichen Empfehlungen besonders aktiv, und die Aufsichtsbehörde der englischen Zentralbank warnt vor potenziellen Haftpflichtrisiken für Verwaltungsräte im Finanz- und Versicherungssektor.

2014 wurde der Verband Swiss Sustainable Finance gegründet, mit dem Ziel, durch Information und Bildung die Stellung der Schweiz im weltweiten Markt für nachhaltige Finanzen zu stärken. Das BAFU arbeitet mit dem Verband zu den verschiedenen Umweltthemen zusammen.

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Letzte Änderung 22.10.2019

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