Klima und Finanzmarkt

Heutige Investitionsentscheide beispielsweise zur Energieversorgung sind mitentscheidend, wie viele Treibhausgase zukünftig emittiert werden. Die Staatengemeinschaft hat sich im Übereinkommen von Paris 2015 drei Hauptziele gesetzt, darunter auch jenes, die allgemeinen Finanzflüsse klimaverträglich auszurichten. Das heisst, künftig soll mehr Geld in umweltfreundliche und zukunftsträchtige, weniger in treibhausgasintensive Technologien und Energieträger investiert werden. Als Vertragspartei des Übereinkommens von Paris bekennt sich die Schweiz zu diesem Ziel.

Das heutige Investitionsverhalten unterstützt nicht nur erheblich die Kohle- und Erdölförderung sogar noch deren weiteren Ausbau. Dies läuft den Klimazielen klar zuwider. Eine breite Teilnahme von Versicherungen, Pensionskassen, Banken und Vermögensverwaltende an freiwilligen Klimaverträglichkeitstests deutet darauf hin, dass das Klimabewusstsein innerhalb der Schweizer Finanzbranche stetig wächst.

Finanzflüsse umfassen die verwalteten Vermögen in der Schweiz. Per Ende 2019 waren dies knapp 7000 Milliarden Schweizer Franken. Sie stammen unter anderem aus privaten Spareinlagen bei Banken, Versicherungskapital oder Vorsorgeeinlagen in Pensionskassen und die AHV. Dass Finanzinstitute und institutionelle Investoren Geld möglichst gewinnbringend anlegen, ist im Interesse der Sparer und der Altersvorsorge. Wird transparent gemacht, wie sich Investitionen und Finanzierungen auf das Klima auswirken, können alle bewusst klimarelevante Entscheide fällen.


Klimaverträglichkeit im Test 

Klimaverträglich sind Investitionen und Finanzierungen, wenn sie mit dem international vereinbarten Klimaziel, die globale Erwärmung deutlich unter 2 Grad zu halten, übereinstimmen. Das Parlament hat dieses Ziel auch explizit im Zweckartikel des totalrevidierten CO2-Gesetzes verankert. Die Umsetzung dieses Ziels soll vorerst durch freiwillige Massnahmen der Finanzbranche erreicht werden. Die Wirkung der freiwilligen Anstrengungen auf das Klima erfasst der Bund periodisch.

Nach 2017 haben das BAFU und das Staatssekretariat für Internationale Finanzfragen SIF im 2020 einen zweiten, umfassenden Test initiiert, mit dem Finanzportfolien auf ihre Klimaverträglichkeit analysiert werden. Dieser Test wird unter dem Titel PACTA 2020 (Paris Agreement Capital Transition Assessment) durchgeführt. Alle Schweizer Banken, Vermögensverwaltenden, Pensionskassen und Versicherungen konnten freiwillig und anonym ihre Portfolien testen lassen. Der Pensionskassenverband ASIP, der Versicherungsverband SVV, die Bankiervereinigung SBVg, der Verband der Fonds- und Vermögensverwalter SFAMA sowie die Konferenz für Anlagestiftungen KGAST unterstützen die Klimaverträglichkeitstests.

Insgesamt haben sich dieses Mal 179 Finanzinstitute freiwillig testen, mehr als doppelt so viele wie 2017. Die Ergebnisse zeigen ein repräsentatives Bild des gesamten Schweizer Finanzmarkts: Rund 80 Prozent der Investitionen in globale Aktien und Unternehmenanleihen, die Hälfte aller Immobilien von institutionellen Investoren sowie drei Viertel der Schweizer Wohngebäude – abgedeckt über Hypotheken – konnten untersucht werden. Eine qualitative Umfrage gibt zudem Aufschluss über klimarelevante Strategien. Zusätzlich zeigt ein Stresstest Risiken auf.

PACTA 2020 wird international koordiniert. Anlässlich des UN-Klimagipfels 2019 in New York hat die Schweiz zusammen mit den Niederlanden eine entsprechende Initiative vorgestellt. Die Länder, die sich dieser Initiative anschliessen, unterstützen ihre Finanzinstitutionen dabei, Investitionen auf international vergleichbare Weise auf ihre Klimaverträglichkeit zu prüfen und auf das 1,5-Grad-Ziel des Weltklimarats auszurichten (vgl. Medienmitteilung vom 20.09.2019). 

 

So klimaverträglich investiert der Schweizer Finanzmarkt

Nach wie vor investiert der Schweizer Finanzmarkt nicht nur signifikant in die Erdöl- und Kohleförderung, sondern sogar in deren weiteren Ausbau. Dies entspricht nicht der Zielsetzung aus dem Übereinkommen von Paris, die Finanzflüsse klimaverträglich auszurichten. Zudem bergen solche Finanzanlagen finanzielle Risiken, wenn fossile Energieträger aufgrund klimapolitischer Massnahmen weniger attraktiv werden. Fortschritte gibt es aber durchaus: Die Teilnehmenden, die angaben, aufgrund des PACTA-Tests 2017 konkrete Handlungen vorgenommen zu haben, schneiden nun auch besser ab als ihre Konkurrenz.

Insgesamt investiert der Schweizer Finanzplatz heute viermal mehr Mittel in Firmen, die Strom aus fossilen Quellen wie Kohle und Gas erzeugen, als sie in Produzenten von erneuerbarem Strom investiert.

 

Grafiken: Anteile der im Portfolio gehaltenen Firmen, die Strom aus erneuerbaren bzw. CO2-intensiven Technologien (Kohle, Öl, Gas) produzieren im Vergleich zu allen Stromproduzenten im Portfolio. Jeder Balken entspricht einem teilnehmenden Finanzinstitut am Klimaverträglichkeitstest 2020. (Quelle: 2°Investing Initiative)

Zwei Drittel der Testteilnehmenden gab an, Klimastrategien zu verfolgen. Um auf Klimakurs zu gelangen, braucht es jedoch mehr Massnahmen in allen Finanzbranchen und vor allem eine raschere und stringentere Umsetzung der verschiedenen erklärten Vorhaben. Einen konkreten Klimabeitrag leisten beispielsweise diejenigen Finanzinstitute, die ihre Gebäude wie geplant energieeffizient sanieren und fossile Heizungen mit erneuerbare ersetzen.

Hier finden Sie die den Ergebnisbericht der anonymisierten Metadaten in Englisch. Die Zusammenfassung ist in Deutsch und Französisch verfügbar.

Die gesamten Auszüge zu Immobilien und Hypotheken im Bericht «Bridging the gap» sind zudem als seperater Bericht in Deutsch verfügbar: 


Die PACTA-Methode  

Die Tests wurden mit der PACTA-Methode (Paris Agreement Capital Transition Assessment) durchgeführt. Sie ermöglicht eine standardisierte Analyse für globale Aktien, Unternehmensanleihen und Kreditportfolien. Die dahinterliegende Datenbasis erfasst rund eine viertel Million industrieller Anlagen weltweit. Auf der Internetseite www.transitionmonitor.com/pacta-2020 finden Sie mehr Informationen zum PACTA-Modell, das vom unabhängigen non-for-profit Think Tank 2°Investing Initiative entwickelt wurde. Es steht unlizenziert im Markt zur Verfügung.

Mit einem Zusatzmodul konnte 2020 erstmals untersucht werden, wie gut die Schweizer Immobilien- und Hypothekenportfolien im Vergleich zum Klimaziel für den inländischen Gebäudepark abschneiden. Das PACTA-Immobilienmodell, das im Auftrag des BAFU entwickelt wurde, steht auf Anfrage ebenfalls unlizenziert zur Verfügung. Mit der Analyse all dieser klimarelevanten Sektoren können 70 bis 90 Prozent der über die Kapitalmärkte indirekt verbundenen Emissionen erfasst werden.


Regulatorische Arbeiten zu Nachhaltigkeit im Finanzmarkt

Der Bundesrat hat sich mit dem Bericht ‘Nachhaltigkeit im Finanzsektor’ (Juni 2020) zum Ziel gesetzt, dass der Finanzplatz für nachhaltige Finanzdienstleistungen führend werden soll. Nicht nur soll damit die Wettbewerbsfähigkeit gestärkt, sondern auch ein effektiver Beitrag zu den Klima- und Umweltzielen geleistet werden (vgl. Medienmitteilung vom 26.06.2020). Eine verwaltungsinterne Arbeitsgruppe unter der Leitung des SIF in enger Zusammenarbeit mit dem BAFU vertieft Fragen zu Transparenz, Risiken und Sorgfaltspflichten.

Mit dem totalrevidieren CO2-Gesetz werden Finma und SNB verpflichtet, regelmässig die institutsbezogenen Klimarisiken sowie Risiken für die Finanzstabilität zu überprüfen und darüber Bericht zu erstatten. Auch hat der Ständerat drei Postulate überwiesen, um weitergehende Massnahmen zu eruieren (vgl. Ritter ‚Recht‘ unten). Zudem wird in Erfüllung des Übereinkommens von Paris für alle relevanten Wirtschaftsbereiche eine langfristige Klimastrategie erarbeitet ("long-term low greenhouse gas emission development strategy"). Darin wird auch die klimaverträgliche Ausrichtung der Finanzflüsse konkretisiert. Mit Forschungsarbeiten prüft das BAFU mögliche Erweiterungen der PACTA-Analyse auf weitere Umweltbereiche wie Biodiversität und Wald. Ebenfalls wird mit verschiedenen Forschungsarbeiten untersucht. welche Strategien von Finanzmarktakteuren wirksam sind, um eine tatsächliche Klima- und Umweltwirkung in der Realwirtschaft zu erzeugen. Eine Überblicksstudie zum Stand der aktuellen, weltweiten Forschung dazu wird das BAFU Ende November 2020 hier veröffentlichen.

Weil viele Schweizer Finanzmarktakteure in der EU ebenfalls Finanzprodukte vertreiben, sind die EU-Regeln besonders relevant. Die Europäische Kommission will ihre Strategie zu nachhaltigen Finanzen erweitern und den Aktionsplan mit 10 Massnahmen, den sie im März 2018 veröffentlicht hat, umsetzen. Verschiedene regulatorische Änderungen werden 2021 in Kraft gesetzt, wie zur Offenlegung von Nachhaltigkeitsrisiken und –wirkungen für alle Finanzprodukte oder zur expliziten Berücksichtigung von nicht-finanziellen Zielen bei der Kundenberatung. Ein Klassifizierungssystem für ‚grüne‘ wirtschaftliche Aktivitäten (Taxonomy) besteht zudem bereits für den Bereich "Klima".


Risiken des heutigen Investitionsverhaltens

Klimaauswirkungen wie Überschwemmungen und Hitzeperioden können Vermögenswerte tangieren (physische Klimarisiken). Bei einer Erwärmung von 4-6°C sind die prognostizierten Werteverluste massiv höher, als wenn die Eindämmung auf unter der kritischen Schwelle von 2°C gegenüber vorindustrieller Zeit gelingt. Werden weltweit Massnahmen (bspw. eine CO2-Abgabe) ergriffen, die den Verbrauch fossiler Energien einschränken oder direkt verteuern, können betroffene Firmen an Wert verlieren (Transitionsrisiken). Mit klimaverträglichen Investitionsstrategien lassen sich solche Risiken vermindern und gleichzeitig marktkonforme Renditen erzielen.

Verschiedene Aufsichtsbehörden und Zentralbanken haben sich Ende 2017 zum Network for Greening the Financial System (NGFS) zusammengeschlossen. Die SNB und die Finma sind dem Netzwerk auch beigetreten. Ziel ist es, auf freiwilliger Basis Erfahrungen zu Klimarisiken auszutauschen und zur Entwicklung des klimabezogenen Risikomanagements im Finanzsektor beizutragen. Um solche Risiken frühzeitig auf Institutsebene zu erkennen, empfiehlt eine von der Industrie geleitete und vom Financial Stability Board eingesetzte Expertengruppe (TCFD) unter anderem, 2°C Szenarioanalysen durchzuführen. Mit der Teilnahme an den Klimaverträglichkeitstests haben viele Schweizer Finanzmarktakteure dies erstmals umgesetzt.

Ein Rechtsgutachten im Auftrag des BAFU zeigt, dass materielle Klimarisiken bereits im geltenden Recht weitgehend mitberücksichtigt werden müssen. Auf freiwilliger Basis können zudem Klimaauswirkungen aufgrund von Investitions- und Finanzierungsentscheiden gemessen und ausgewiesen werden.

Rechtliches Gutachten «Berücksichtigung von Klimarisiken und -wirkungen auf dem Finanzmarkt» (PDF, 513 kB, 31.10.2019)Gutachten von Prof. Dr. Mirjam Eggen, Bern und Dr. Cornelia Stengel, Zürich, im Auftrag des BAFU, 2019.

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Letzte Änderung 09.11.2020

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